Natur-Friedhof Gelnhaar – ein Quantensprung

Kurzporträt

Kontakt & Adresse: Stadt Ortenberg, Bauamt, Lauterbachstr. 2,
D – 63683 Ortenberg/Hessen, Friedhof im Ortsteil Ortenberg-Gelnhaar
Besichtigung: Ja
Baujahr/ Bauzeit: Umgestaltung im Jahr 2016
Planung & Bauleitung: Dorothee Dernbach, Naturnahe Grünplanung, Büdingen
Ausführung und Pflege: Ortsansässige GaLa-Baufirma Joachim Seipel, Ortenberg-Selters
Größe: ca. 2000 m2
Wildpflanzenarten: 130 (Stauden, Sträucher, Bäume, Zwiebelpflanzen) Wildpflanzensaatgut: 10 Einzelarten, Wiese Nr. 6 von Syringa, Dachbegrünungsmischung von Rieger-Hofmann auf dem Sträucherwall
Besondere Merkmale: Der Friedhof ist zweigeteilt: Neben dem neu angelegten naturnahen Teil zur Baumbestattung besteht ein konventioneller Friedhofsteil weiter.

DERNBACH
Naturnahe Grünplanung

Dorothee Dernbach Dipl.-Ing. Umweltschutz
Vorstadt 30
63654 Büdingen
Festnetz 06042 9798 235
dernbach@naturnah-planen.de
http://www.naturnah-planen.de/
http://naturgarten-fachbetriebe.org/
Fachbetrieb für Naturnahes Grün – Empfohlen von Bioland

Projektbeschreibung:
Ortenberg in Hessen hat einen Natur-Friedhof: Der kleine Ortsteil Gelnhaar hat es gewagt, dieses wirklich sensible Thema anzugreifen und den „Friedwald“ ins Dorf zu holen. Zusammen mit Ortsvorsteher Olaf Kromm und Pfarrer Marschella ist die- ses innovative Projekt ins Laufen gekommen. Obwohl auf Friedhöfen – und das ist kein Geheimnis – normalerweise um jeden Baum, der Blätter aufs Grab fallen lässt, bitter gestritten wird. Wie das kam, erläutert Herr Kromm: „Bei unseren Bürgerinnen und Bürgern können wir ein zunehmendes Interesse an Waldbestattungen feststellen. Auf der anderen Seite verfügen wir als Kommune über große Reserveflächen im Friedhofsbereich, die diesem Interesse nicht gerecht werden. So ist die Idee eines Friedparkes entstanden: Innerhalb der vorhandenen Friedhofsflächen soll eine große, naturnahe Teilfläche entstehen, an deren zukünftigem Baumbestand Urnenbestattung möglich werden soll. Gerade unsere alten Leute wollen hier im Ort beerdigt werden, dort, wo sie auch ihr ganzes Leben verbracht haben“.

Auf der neuen Friedhofsfläche sollen viele Elemente der Friedwaldbestattung aufgegriffen werden
Das Konzept:
Das Gesamtkonzept steht für eine alternative Form der Bestattung. Die Asche Verstorbener ruht in einer biologisch abbaubaren Urne, direkt an den Wurzeln eines Baumes. Eine Namenstafel am Boden macht auf die Grabstätte aufmerksam. Auf diese Namenstafel kann nach Wunsch auch verzichtet werden. In diesem Fall haben Angehörige dennoch die Möglichkeit, die Grabstätte des Verstorbenen jederzeit zu besuchen, denn die Bäume sind gekennzeichnet und in Registern bei der Kommune eingetragen.
Die naturnahe Gestaltung der Fläche, über eine dichte Baumbepflanzung hi- naus, bietet einen erlebbaren Bezug zur Natur, in der sich die meisten Menschen schon zu Lebzeiten wohlfühlen.
Der Friedpark kommt ohne individuelle Grabpflege aus. Die natürliche Umgebung, die geschaffen werden soll mit Wildblumen, Naturhecken, geschwungenen Wegen und verschiedenen Waldbaumarten, ersetzt Gestecke, Kerzen und Grabsteine. Diese Strukturen und der Wiesenbestand werden von der Fried- hofsverwaltung naturnah gepflegt.
An jedem Baum können bis zu 10 Menschen beigesetzt werden. Das entspricht bei einer Pflanzung von 26 Bäumen einer Ruhestätte für 260 Urnen.
Da wir einen Bogen schlagen wollen zwischen bestehender Friedhofskultur und dem Friedwaldkonzept, sollen auch Elemente der Kontemplation durch Spruchtafeln eingebracht werden und ein schön gestalteter Treffpunkt zum Verweilen einladen.

Ideenfindungsphase zur Umsetzung
Im Rahmen der Ideenfindungsphase, in die Vertreter der Verwaltung (Ortenberg), des Ortsbeirates und der Kirchengemeinde einbezogen wurden, nahm die Gestaltung des neuen Friedparks Gestalt an: Als „Rückgrat“ soll zukünftig ein zentraler Gehweg das Gelände erschließen, mit einfacher, wassergebundener Decke aus örtlichem Basalt. Der Weg sollte mit Minibagger befahrbar sein. Sollte sich erweisen, dass der Belag Probleme beim barrierefreien Befahren macht, kann auf den Untergrund später immer noch gepflastert werden.
Um die zwei Friedhofsbereiche sauber zu trennen, soll zum bestehenden Gräberfeld ein Wall aufgeschüttet und mit einheimischen Sträuchern und Blumen bepflanzt und besät werden.
Allen war wichtig, dass über die Pflanzung von 26 heimischen Laubbäumen hinaus ein naturnaher Charakter geschaffen werden soll: Bunt blühende Wiesenareale, die auch zukünftig fachgerecht gepflegt werden müssen. Ganz konsequent wurde auch für den gewünschten neuen Platz – gedacht als Treffpunkt und zum Verweilen – ein Belag aus regionalem Basalt-Pflaster, sogar Recycling-Material, gewählt. Klar war auch von Anfang an, dass Teile der Anlage in Eigenleistung umgesetzt werden (Schrifttafeln durch die Kirchengemeinde, Findling am Eingang setzen, Pflastern des Platzes, Pflanzarbeiten durch Ortsbeirat). Alle weiteren Arbeiten sollen vergeben werden.
Planung
Die Planung sieht vor, dass mit den Bestattungen im Bereich A zwischen Weg und Hecke begonnen werden soll, der Bereich B auf der anderen Wegseite hingegen für eine Weile naturnäher als „Reservefläche“ gestaltet wird. Die Baumpflanzungen soll- ten in beiden Bereichen möglichst bald erfolgen, da Bäume langsam wachsen. Der Aushub aus dem Weg soll vorwiegend im Bereich B als sanfte Modellierung und als Erdkern unter den Sträucherwall zum alten Friedhofsteil eingebaut werden. So muss nichts entsorgt werden. Auf diese Flächen kommt eine unkrautfreie, preiswerte Abdeckung mit Basalt-Steinerde 0/8, auf die gepflanzt und gesät werden kann und die den anschließenden Pflegeaufwand entscheidend minimiert.
Im Bereich A wird in großen Teilen der vorhandene Schurrasen weiter bestehen bleiben. Am Rand sollte jedoch als naturnäheres Element ein Saum vor der Hecke in ein weniger oft gemähtes, blühendes Wiesen- band umgewandelt werden. Kleinere Bereiche mit modelliertem Aushub aus dem Weg und dem Platzuntergrund werden als zusätzliche Blühinseln angelegt.
Im Norden wird der Friedparkteil ebenfalls von einer kleineren, naturnahen Fläche aus Sträuchern und Wiese abgeschlossen.
Entscheidend für den Erfolg bei der Umsetzung der Maßnahmen sind die Wahl von Pflanzen und Saatgut (aus dem Wild- pflanzenfachhandel), eine naturnahe Vegetationstechnik und die Einhaltung der naturnahen Pflege, ohne die alles hinfällig werden würde.

Erste Erfahrungen seit Anfang 2016
Wieder möchte ich den Ortsvorsteher Olaf Kromm zitieren: „Die Tatsache, dass die vier letzten Begräbnisse im Friedpark stattfanden, bestätigt, dass wir hier den richtigen Weg eingeschlagen haben. Die Mehrzahl der Begräbnisse wird zukünftig sicherlich hier im naturnahen Bereich erfolgen. Das Eine oder Andere muss sich noch durchset- zen: Zum Beispiel, dass keine Grabschalen aufgestellt werden sollen, oder dass kein englischer Rasen vorgesehen ist, stets kurz geschoren. Dass die Blühflächen so vorge- sehen waren, dass musste auch erst noch kommuniziert werden. Es ist ja das Jahr über eine wahre Blumenpracht zu bewun- dern, die die nächsten Jahre noch andau- ern wird. Und zwar so lange, bis sich ein Kronendach ausgebildet hat und das Blü- tenmeer einem Waldboden mit viel Laub und wenig Vegetation weichen wird.
Auch die Sitzmöglichkeit mit Quellstein wird gerade in der heißen Jahreszeit nicht nur als Ort der Besinnung, sondern auch von jungen Familien mit kleinen Kindern als Wasserspiel genutzt.
Auch viele andere Dörfer in der Region fol- gen unserem Beispiel.
Ober Seemen als Ortsteil von Gedern stand in den letzten Tagen in der Zeitung wegen neuer Baumbegräbnisstätten. Ich habe den Ortsbeirat dort beraten.
Im Interview durch das HR Fernsehen am 15.6.2018 hat sich auch die Bürgermeisterin Ulrike Pfeiffer-Pantring begeistert über das Konzept geäußert, inmitten „ihres“ wild- pflanzenbunten, summenden Friedhofs- teils – umringt von 19 begeisterten Regio- nalgruppenmitgliedern des Naturgarten e.V., angereist aus ganz Deutschland.